Zwölftonmusik
Mit zwölf nur aufeinander bezogenen Tönen
Warum zwölf Töne?
Jahrhundertelang hatte Musik ein Zentrum: die Tonika. Dur und Moll ordnen alle Töne um diesen einen Grundton, Spannung entsteht, weil die Musik von ihm weg- und wieder zu ihm zurückführt. Um 1900 war dieses System bis an seine Grenzen ausgereizt – bei Wagner, Mahler oder Strauss wechseln die Tonarten so oft, dass der Grundton kaum noch zu hören ist.
Arnold Schönberg ging ab 1908 den nächsten Schritt und verzichtete ganz auf eine Tonart. Diese freie Atonalität hatte einen Preis: Ohne Grundton fehlte das Prinzip, das größere Stücke zusammenhält. Um 1921 fand Schönberg eine neue Ordnung, die „Methode der Komposition mit zwölf nur aufeinander bezogenen Tönen“. Kein Ton ist mehr der wichtigste, alle zwölf sind gleichberechtigt – Schönberg sprach von der Emanzipation der Dissonanz.
Seine Schüler Alban Berg und Anton Webern übernahmen die Methode, jeder auf seine Weise. Die drei werden die Zweite Wiener Schule genannt.
Die Regeln
- Die Reihe. Am Anfang steht eine Reihe: alle zwölf Töne der chromatischen Tonleiter in einer Reihenfolge, die der Komponist festlegt. Sie ist die Grundgestalt des ganzen Stücks – Melodien und Akkorde werden aus ihr gewonnen.
- Jeder Ton kommt dran. Ein Ton soll erst wiederkehren, wenn die anderen elf erklungen sind. So kann sich keiner als Grundton in den Vordergrund schieben. (Ein Ton darf aber direkt wiederholt werden.)
- Vier Grundformen. Die Reihe darf rückwärts gelesen (Krebs), gespiegelt (Umkehrung) oder beides (Krebsumkehrung) werden.
- Zwölf Stufen. Jede der vier Formen darf auf jeden der zwölf Töne versetzt werden: 4 × 12 = 48 Modi.
- Frei bleibt … in welcher Oktave ein Ton erklingt, wie lang er ist, wie laut, von welchem Instrument – und ob Reihentöne nacheinander (Melodie) oder gleichzeitig (Akkord) erklingen.
Die vier Grundformen als Linie
Zeichnet man die Töne der Reihe als Punkte – je höher, desto weiter oben –, sieht man, was die vier Formen mit ihr machen. Hier am Beispiel der Reihe aus Schönbergs Suite op. 25:
Der Krebs spiegelt die Linie von links nach rechts, die Umkehrung von oben nach unten, die Krebsumkehrung beides – sie ist die Grundgestalt, um eine halbe Drehung gedreht. Die Bezeichnung in dieser Werkstatt: G, K, U und KU, dahinter die Zahl der Halbtöne, um die die Form nach oben versetzt ist – G0 ist die Reihe selbst, U5 die Umkehrung fünf Halbtöne höher.
Die Reihentabelle
Alle 48 Modi passen in eine Tabelle mit 12 × 12 Feldern. So legt man sie von Hand an:
- Die Grundgestalt G0 kommt in die erste Zeile.
- Die Umkehrung U0 kommt in die erste Spalte – sie beginnt mit demselben Ton.
- Jede weitere Zeile ist die Grundgestalt, versetzt auf den Ton, der vorn in der ersten Spalte steht.
Von links gelesen ergeben die Zeilen die Grundgestalten, von rechts die Krebse; von oben gelesen ergeben die Spalten die Umkehrungen, von unten die Krebsumkehrungen. Zur Kontrolle: Auf der Diagonalen von links oben nach rechts unten steht überall derselbe Ton.
Berühmte Reihen
Jede Reihe lässt sich anhören und in die Werkstatt laden – dort stehen dann alle Formen, die Tabelle und das Gestalten bereit.
1 · Reihe bauen
Tippe die zwölf Töne in der Reihenfolge an, in der sie in deiner Reihe stehen sollen. Jeder Ton kommt genau einmal vor – was schon verwendet ist, trägt seine Nummer.
2 · Die vier Grundformen
3 · Die Reihentabelle: alle 48 Modi
4 · Gestalten: Lage und Rhythmus
Tippe einen Ton an und gib ihm eine andere Oktave oder eine andere Dauer. Die Tonhöhenklasse bleibt dabei dieselbe – die Reihe bleibt die Reihe, aber sie klingt ganz anders.